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Die Zähne und Zahnpflege



Auswirkungen auf die Allgemeingesundheit des Pferdes

Der Mensch sollte, wie wir alle wissen, zweimal jährlich den berühmten Gang zum Zahnarzt antreten. Dazu ist es üblich einen Termin auszumachen und sich den halben Tag freizunehmen. Röntgenaufnahmen werden angefertigt, Zahnstein wird mit Ultraschall entfernt, die Zähne poliert, einzelne vielleicht auch gefüllt oder entfernt und möglicherweise sogar Wurzeln behandelt.

Nicht viel anders sollte es eigentlich beim Pferd laufen. Natürlich, vielleicht nicht gerade gleich Wurzelbehandlungen oder Brücken- und Kronenanfertigungen, aber die Kontrolle und Pflege des Gebisses ist wesentlich für den allgemeinen Gesundheitszustand des Tieres. Und eine einmal durchgeführte Kontrolle anlässlich des Kaufes des Pferdes ist nicht genug.

Der erwachsene Hengst besitzt 44 Zähne, eine Stute 36 bis 40. Des Pferd hat genau wie wir zwei Sätze von Zähnen. Das ursprüngliche Milchgebiss wird bis zum fünften Lebensjahr durch das Bleibende ersetzt.

Diese bleibenden Zähne werden im Laufe des Lebens durch den Gebrauch langsam abgerieben und verändern so ihre Form. Der ursprünglich optimale Schluss der Zähne kann so mit der Zeit in Unordnung geraten und Probleme vielfältiger Art verursachen.

Die Schneidezähne, je 6 in Ober- und Unterkiefer, beissen das Gras auf der Weide ab, die Backenzähne mahlen es durch Seitwärtsbewegungen des Unterkiefers zum Oberkiefer zu einem mit Speichel durchsetzten Brei, der zur weiteren Verdauung in den Magen abgeschluckt wird. Unvollständiges Mahlen bedingt erste Verdauungsstörungen im Magen die sich dann im weiteren Verdauungstrakt fortsetzen und unter anderem Koliken auslösen können.

Das Pferd grast in der freien Natur 10 bis 12 Stunden täglich mit etwa halbstündlichen Intervallen. Häufig werden heute die Pferde im Stall gehalten und dieses Fressverhalten nicht mehr beachtet. Die konzentrierte Fütterung zwei- oder dreimal täglich führt zu hastigem Fressen in kurzer Zeit und Langeweile in den Stunden dazwischen. Das Gebiss wird nicht seinem Bau entsprechend beansprucht, der Futterbrei kommt in einer für den Magen ungeeigneten Art dort an - Verdauungsstörungen aller Art sind die Folge.

Und die freie, fade Zeit wird mit allen möglichen Unarten totgeschlagen.

Hier ist der Punkt, wo erstmals der Tierarzt wegen diverser unspezifischer Störungen gerufen wird.
Gewichtsverlust, Widersätzlichkeit im Maul, Steifheit und Verspannungen oder Kolikneigung sind nur einige dieser Symptome.

Die am häufigsten vorgenommene Tätigkeit ist das sogenannte Zähneraspeln. Warum und wie wird es gemacht ?
Die Backenzähne bilden mit der Zeit auf Grund der seitwärts gerichteten Mahlbewegung eine emailharte und scharfe Kante im Oberkiefer an der Aussenseite, im Unterkiefer innen.
Durch das Abfeilen dieser Kanten werden Verletzungen an der Backenschleimhaut und an der Zunge vermieden. Solche kleine Verletzungen können, wie jeder weiss, der sich schon einmal in die Zunge gebissen hat, ziemlich schmerzhaft sein und entsprechende Reaktionen auslösen.
Durch das fehlende Grasen können auch die Schneidezähne zu lang werden und sind ebenso mit der Zahnraspel zu kürzen wie zu lange und spitze Hengstzähne.
Durch das Raspeln wird die Symmetrie und das Gleichgewicht zwischen den Zähnen wiederhergestellt, schmerzhafte Verletzungen vermieden und das Pferd ,,im Maul wieder weich", speziell dann, wenn die Vorderkante des ersten Mahlzahnes rund wie eine Fingerkuppe zugefeilt wurde.
Dieses Raspeln kann bei entsprechender Übung des Ausführenden und etwas Kooperation seitens des Pferdes in der Box und ohne Sedierung durchgeführt werden. Maschinelles Raspeln ist zwar körperlich für den Praktiker nicht so anstrengend, aber für das Pferd oft eine grösserer Stress und häufig nur unter Sedierung durchzuführen. Welche Methode angewandt wird, ist meiner Meinung nach Geschmacksfrage und individuell vom Tierarzt zu entscheiden.


(aus: CADMOS RATGEBER PFERDE-ANATOMIE, ISBN 3-86127-242-3)

Weiters ist besonders bei Jungpferden auf verbliebene Milchzähne zu achten, da diese dann meist irgendwie und störend im Gebiss herumstehen. Sie sind meist leicht mit einer Zahnzange zu entfernen - wenn man sie sucht und findet. Daher ist das Maul immer mit Maulkeil und Lampe genau zu inspizieren. Ganz Geübte (oder Mutige oder Leichtsinnige) können das auch mit der Hand im Maul alleine ertasten.

Eine häufig unerkannte Ursache für Widersätzlichkeit im Maul sind die sogenannten Wolfszähne. Es sind dies die im Laufe der Entwicklungsgeschichte zurückgebildeten ersten Mahlzähne im Oberkiefer. Oft sind sie auch gar nicht mehr vorhanden. Dort wo sie vorhanden sind, kann man sie wegen ihrer Kleinheit bei oberflächlicher Kontrolle unter Umständen auch schon einmal übersehen.
Sie sind klein wie Hundezähne, sitzen direkt vor dem ersten, -eigentlich dem zweiten - , Mahlzahn und wirken wie eine Rampe für die Trense. Anstatt dass sie an den Backenzähnen ansteht kann sie über diese Rampe zwischen die grossen Zähne geraten und so Probleme verursachen.
Zur Entfernung dieser Wolfszähne ist schon häufiger eine Sedierung nötig, bei etwas Routine kann man aber auch hier oft ohne sie auskommen.

Bei unsymmetrischen Kiefer reiben sich die Zähne in Ober- und Unterkiefer ungleich ab, Hakenbildung ist die Folge und der Mahlvorgang kann nicht mehr in der gewohnten Weise ablaufen, da sie in die ,,Löcher" der Gegenseite passen wie der Schlüssel ins Schloss und so die Bewegung sperren.
Kleinere Haken werden ebenfalls abgeraspelt, grössere müssen mit einer speziellen Zangen abgeschnitten und anschliessend rund gefeilt werden.

Verhaltensänderungen des Pferdes sind oft durch Probleme im Maul bedingt. Solange die Symptome deutlich sind, ist die Diagnose auch nicht schwer. Typische Zeichen sind:

    Kaubeschwerden
    Futter fällt während des Kauens aus dem Maul
    Unverdaute Körner im Mist
    Gegen den Zügel gehen
    Gegen das Gebiss gehen
    Kopf- und/oder Zungenschlagen
    Mundgeruch
    Blutspuren ums Maul
    Schwellungen im Kieferbereich

Viele Pferde zeigen aber keine dieser Symptome, sondern sind nur irgendwie ,,anders als sonst". Bei der Allgemeinuntersuchung durch den konsultierten Tierarzt sollten aus den oben genannten Gründen immer auch die Zähne und die Maulhöhle inspiziert werden. Zumindest sollten sie aber im Zuge der jährlichen Impfung kontrolliert und eventuell zurechtgeraspelt werden -

wenn die Schutzimpfung regelmäßig durchgeführt wird -

aber das ist, wie wir leider immer wieder feststellen müssen, eine andere Geschichte.

 
 © 2009 Hartmann
Stand: 03. Okt 2009